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Wissensbasis Canyoning

Flutwellen - Die Entstehung einer Flutwelle


Aktualisiert:10.11.13

Entstehung einer Flutwelle

Man stelle sich folgende Situation vor:  In einem Wildbach bzw.einem Bachbett mit nicht geringem Gefälle muß eine Wasserableitung geschlossen oder ein Schütz bzw. Wehr geöffnet werden. Angenommen, dies muß nicht schnellstmöglich geschehen, sondern es steht ein Zeitraum von einigen Minuten zur Verfügung. Der mit der Steuerung Beauftragte rechnet damit, daß sich im betroffenen Flutungsbereich vielleicht Personen aufhalten. Er läßt darum zunächst eine kleine Wassermenge ab, sozusagen als Vorwarnung. Nach einiger Zeit vergrößert er die Ablaßmenge und erst nach einer weiteren Zeitspanne erhöht er den Wasserablaß auf den maximalen Querschnitt.

Der Effekt der geschilderten Vorgehensweise in größerer Entfernung unterhalb des Wasserablasses wird eine plötzliche Flutwelle sein und nicht, wie man vermutet, ein in drei Stufen schrittweise erfolgender Wasseranstieg. Warum? Der Grund ist die unterschiedliche Geschwindigkeit der Schwälle. Die Fließgeschwindigkeit ist umso größer, je höher der Wasserstand ist. Der große Wasserschwall am Ende ist schneller als die vor ihm laufenden kleineren, er wird sie darum nach einiger Zeit einholen und durch die Vereinigung mit ihnen noch größer werden. Die beschriebene Vorgehensweise beim Wasserablaß bewirkt also gerade das Gegenteil des Beabsichtigten. Auch wenn der Wasserablaß kontinuierlich vergrößert wird, wandert das Maximum im weiteren Verlauf des Baches an den Anfang des Schwalls und wird dabei immer größer. Besser wäre es, den Ablaß über einen sehr langen Zeitraum ganz langsam zu erhöhen, was natürlich dann unmöglich ist, wenn es sich um eine Ableitung zu einem Kraftwerk handelt, die geschlossen werden muß, weil die Turbinen durch einen plötzlichen Defekt abgeschaltet wurden. Etwas ganz Ähnliches kann auch durch Regen hervorgerufen werden. Durch das im Einzugsgebiet ablaufende Oberflächenwasser, das sich in den Wasserläufen sammelt, bilden sich im Bachbett des Hauptsammlers viele kleine Schwälle.

Wenn sich eine größere Welle bildet, so wird diese die vorauslaufenden kleineren Wellen einholen und sich dadurch weiter vergrößern. Es kann leicht geschehen, daß nach einer nicht sehr langen Strecke eine Welle von 0,5m Höhe entstanden ist, was ausreichen dürfte, um einen Menschen mitzureißen. Verengt sich im weiteren Verlauf das Bachbett, steigt das Wasser dort entsprechend in die Höhe. Geht z.B. ein 8m breites Hochwasserbett in eine 2m breite Klamm über, verringert sich also die Breite auf ¼, so steigt dort der Wasserstand auf das 4-fache und somit wird aus einer 0,5m-Welle eine 2m hohe Wasserwalze. Freilich besteht diese nicht nur aus Wasser,sondern enthält vieles, was das Wasser auf seinem Weg mitreißt, auch viele Steine und Baumstämme (die dann an Engstellen verklemmen). Die Wellenfront ist wie eine Wand aus Wasser und bewegt sich mit vergleichsweise hoher Geschwindigkeit fort, die deutlich größer ist als die Fließgeschwindigkeit des Baches vor der Welle, bei 4-fachem Wasserstand ist die Geschwindigkeit doppelt so groß. Hinter der Wellenfront geht der Wasserstand aber nicht wieder zurück (jedenfalls nicht sehr) wie bei einer gewöhnlichen Welle, sondern wie beim Öffnen eines Wehrs oder bei einem Dammbruch flutet das Wasser hinter der Front kontinuierlich nach, wobei die Dauer von der Menge des gesammelten Niederschlags abhängt. Eine Zeugin, die solch eine Flutwelle erlebt hat, berichtete mir, daß sie unmittelbar vor dem Eintreffen der Welle einen Sprühnebel bemerkte. Dies ist wahrscheinlich ein ähnlicher Effekt wie die Gischt im Umkreis eines großen Wasserfalls: Es entsteht ein Luftzug, der mit kleinen Wassertropfen durchsetzt ist. Eventuell hört man ein Donnern oder einen Knall beim Herannahen der Welle, wenn sie gegen die Klammwände klatscht, oder vielleicht das dumpfe Geräusch vom Rollen großer Steine, aber dann ist es zu spät, um zu entkommen.

Von Canyonisten wird eine große Flutwelle nach Niederschlägen noch immer für ein ungewöhnliches und sehr seltenes Ereignis gehalten. Und Überlebende sind immer der Meinung, daß das erlebte Unglück völlig unfaßbar und unerklärlich ist und auf ganz außergewöhnliche Ursachen zurückzuführen sein müsse, die man aber durchaus nicht finden kann. In Wirklichkeit kommen Hochwasserwellen häufig, überall und auf ganz natürliche Weise zustande und beruhen in der Regel keineswegs auf ungewöhnlichen Vorkommnissen wie einem Dammbruch, einem Erdrutsch oder dem Durchbruch einer Verklausung. Es sind auch schon oft Canyonisten von einer Flutwelle überrascht worden, viele sind durch pures Glück davongekommen. Das außerordentlich Gefährliche ist vor allem ihr plötzliches Erscheinen, das durch keinerlei vorhergehendes Anzeichen (von den Regenfällen abgesehen) bemerkbar ist. Je länger nach einem Regen ein der Stärke des Regens und der Größe des Einzugsgebiets angemessener Wasseranstieg ausbleibt, desto größer ist die Gefahr, daß ein plötzlicher und starker Anstieg erfolgen wird. Das heißt aber nicht, daß eine Flutwelle nicht schon sehr bald eintreffen kann. Man weiß ja auch nicht, wann weiter oben im Tal bzw. am Berg der Regen eingesetzt hat und wie intensiv er dort fällt.

In manchen Canyons treten ausgeprägte Flutwellen wohl häufiger auf als in anderen und durchaus nicht bei jedem Regen, aber man muß stets mit der Möglichkeit rechnen; es ist bei starkem Regen der Normalfall. Eine wichtige Rolle spielt zum einen die maximale Intensität des Regens in irgendeinem Teil des Einzugsgebiets, da dies den Spitzenwert der Wasserstandszunahme bestimmt, zum anderen die Menge des in einem gewissen Zeitraum schon hinzugekommenen Wassers (durch das sich die Welle beim Einholen vergrößern kann). Besonders gefährdet ist man bei langen Bächen und großem, felsigem Einzugsgebiet und je größer der Weg ist, den das Wasser zurücklegt, bis es einen erreicht, vor allem mit einem langen offenen Bereich vor Beginn der Klamm. Jedoch habe ich selbst beobachtet, wie schon im Oberlauf eines kleinen Baches (Schürpfengraben) bei einem Gewitter das Wasser sprunghaft so weit stieg, daß einen die starke Strömung mitgerissen hätte. In sehr langen Tälern muß man damit rechnen, daß man einen weit oben stattfindenden Regen vielleicht nicht bemerkt oder längere Zeit vergeht, bis ein Wasserschwall unten ankommt. In besonderen Fällen, wenn der Boden sehr viel Wasser aufnehmen kann oder wenn es im Einzugsbereich Sumpfgebiete oder natürliche unterirdische Reservoirs gibt, die zunächst aufgefüllt werden, ist ein plötzlicher Anstieg auch noch nach stundenlangem Regen möglich. Auch wenn kein sprunghafter Anstieg stattfindet, daß bei Regen der Wasserstand steigt und bei ergiebigem Regen oder großem Einzugsgebiet sehr (soweit das Erdreich das Wasser nicht aufsaugt), ist ja klar.

Übrigens kommt einem im nassen Neoprenanzug ein Regenguß weniger heftig vor und läßt sich im Canyon in seiner Stärke schlecht einschätzen.

Um nur einige einschlägige Unfälle zu nennen:

  • Raton/F 1995(Regen, 3 Tote),
  • Antelope Canyon/USA 1997 (Regen, 11 Tote),
  • Sainte-Suzanne/Réunion 1999 (Regen, 1 Toter),
  • Saxetbach/CH 1999 (Regen, 21 Tote),
  • Frauenbach/A 1999 (Regen, 1 Toter),
  • Nala/CH 2001 (Wasser-ablaß, 2 Tote),
  • Isorno/CH 2003 (Regen, 1 Toter),
  • Clue d’Amen/F 2006(Regen, 2 Tote),
  • Mangatepopo/NZ 2008 (Regen, keine Flutwelle, aber starker Wasseranstieg, 7 Tote),
  • Baou/F 2008 (Regen, 3 Tote),
  • Rio Simon/I 2008 (Regen, 1 Toter),
  • Trou Blanc/Réunion 2010 (Regen, 4 Tote),
  • Pussy/F 2011 (Regen, 3 Tote),
  • Fallenbach/CH 2012 (Regen, 2 Tote).

Ist Canyoning gefährlich? Das kommt darauf an, ich würde eher sagen, Unwissenheit und Leichtsinn ist gefährlich und Canyoning bei starkem Regen. Wenn man sich in einem Canyon aufhält und irgendwo im Einzugsgebiet ein heftiger Regen niedergeht, muß man mit schnell und weit steigendem Wasserstand rechnen und kann man eventuell von einer Flutwelle erfaßt werden. Der kausale Zusammenhang ist in all diesen Fällen gut belegt und das Ergebnis kann weder als unerklärlich noch als Restrisiko bezeichnet werden.

Schlußfolgerung: 

Bei ergiebigem Regen oder unmittelbar danach oder wenn ein Gewitter bzw. starker Regen zu erwarten ist, darf nicht in einen Canyon eingestiegen werden.



Autor(en) und Copyright: Werner Baumgarten

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