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Wissensbasis Canyoning

Unfall- und Risikovermeidung in der Gruppe


Aktualisiert:15.08.07

Und: steht man als Erfahrenster wirklich mit einem Bein im Gefängnis?


In vielen Bereichen wird heute von der Sicherheitsforschung untersucht, welches Gruppenverhalten zur Unfallvermeidung sinnvoll ist. Dabei geht es um ein optimales Zusammenspiel der Gruppenmitglieder, damit möglichst wenige Fehler gemacht, bzw. gemachte Fehler sofort erkannt und behoben werden können. Vorreiter war die Fliegerei, aber auch Abläufe in der Schiffahrt oder im Operationssaal haben wichtige Erkenntnisse gebracht. In den letzten Jahren fließen diese Erkenntnisse mehr und mehr auch in den Bergsport ein.

Lange Jahre wurde dort das Führerprinzip propagiert: Der Erfahrenste übernahm die Führung und war verantwortlich, angeblich haftete er bei Unfällen (Garantenstellung). Allerdings zeigt eine Untersuchung von Gerichtsurteilen in Deutschland und Österreich, daß die Garantenstellung bei Bergsportunfällen strafrechtliche höchst selten eine Rolle spielt. Zwar werden von der Staatsanwaltschaft nach schwerwiegenden Unfällen oft Ermittlungen eingeleitet, diese dienen jedoch meist eher der Aufklärung. Wenn überhaupt, ist es meist der Verunglückte, der aus Schadenersatzgründen eine Zivilklage gegen den vermeintlich Verantwortlichen führt. Aus diesem Grunde ist es absolut sinnvoll, eine private Haftpflichtversicherung zu haben, die das Risiko der Schadenersatzforderungen auch beim Canyoning abdeckt (Kleingedrucktes beachten!). Der Deutsche Alpenverein hat beispielsweise eine entsprechende Deckung im Mitgliederbeitrag enthalten.

Schon bald zeigte sich aber die Schwäche des Führerprinzips: jeder, auch der Beste, macht mal Fehler. Eine kurze Liste von mir beobachteter Fehler bei durchaus erfahrenen Canyonisten (leider auch bei mir selbst...):
Beim Abseilen am Doppelseil nur einen Seilstrang eingehängt, vergessen Achter einzuhängen, an völlig lockeren Haken abgeseilt obwohl gute direkt daneben waren, an den falschen Haken abgeseilt, am Einfachstrang abseilen wollen obwohl das Seil nicht fixiert war, Springen ohne die Wassertiefe zu kennen, ... die Liste ist fast endlos.

Dabei beruhen diese Fehler meist nicht auf Unwissenheit oder schlechter Ausbildung, sondern auf eine Ablenkung, einem mentalen Blackout oder Augenblicksversagen. Immer wieder eingeübte Routine und Ablaufchecks können zwar helfen solche Fehler zu vermeiden. Nur sind gerade beim Canyoning die Abläufe je nach Situation viel unterschiedlicher und damit viel schwieriger in ein Ablaufschema zu bringen als beispielsweise die Startchecks eines Drachenfliegers.

Diese Fehler werden oft von anderen, manchmal auch von deutlich Unerfahreneren bemerkt, die sich aber nicht trauen, etwas zu sagen oder sich gegen den „Chef“ nicht durchsetzen können. Untersuchungen der Voice-Recorder konnten etliche Flugzeugabstürze auf von Untergebenen erkannte, aber vom Flugkapitän nicht akzeptierte Fehler zurückführen. Auch traten Fälle auf, bei denen Untergebene Fehler und Gefahr erkannten, sich aber nicht trauten es dem Chef zu sagen.  Auch psychologisch ist das Führerprinzip für das Sicherheitsdenken ungünstig: es wird die Tendenz bestärkt, nicht mitzudenken und auch geistig die Verantwortung auf den Führer abzuwälzen. Und dieses tritt auch dann auf, wenn das Führerprinzip eigentlich eine sinnvolle Sache ist, z.B. bei geführten Gruppen gänzlich Unerfahrener. In unserem Fall wären das z.B. die geführten Gruppen kommerzieller Veranstalter.

Wie läßt sich dieser Effekt vermeiden? Völlig falsch wäre die Aussage der Veranstalter „Bei uns ist noch nie etwas passiert, bei uns seid Ihr völlig sicher, da kann nichts passieren!“ Das ist geradezu eine Aufforderung, das Gehirn abzuschalten.

Viel besser ist es zu erklären, daß Canyoning prinzipiell risikobehaftet ist, wieviel Wert man auf Sicherheit legt und was man dafür getan hat, daß jeder aber trotzdem auf sich und seinen Nachbarn achten soll, und immer fragen soll, wenn einem etwas unklar oder unsicher vorkommt. Damit werden auch unerfahrene Teilnehmer in die Verantwortung eingebunden.

Insgesamt zeitgemäßer ist aber die „demokratisch geführte Gruppe“, bei der man sich vorher über die Ziele abspricht, und auch unterwegs Entscheidungen innerhalb der Gruppe durch Absprache erreicht. Bei entsprechendem Umgang kann das kurz und knapp erfolgen und muß nicht  in einen  Debattierklub ausarten.

Doch hier stellt sich unter Umständen eine neue Gefahr. Psychologen haben herausgefunden, daß die meisten Menschen den Konsens suchen und sich instinktiv der vermeintlichen Gruppenmeinung anzuschließen suchen (group think). Das kann dann soweit führen, daß auch vom einzelnen Gruppenmitglied der Gruppenmeinung widersprechende Fakten einfach nicht mehr wahrgenommen werden, bzw. verdrängt werden. Im Ergebnis führt das oft zu einer Radikalisierung der Gruppe, bzw. zu einer Erhöhung der Risikobereitschaft, da Bedenken oder mäßigendere Meinungen nicht mehr geäußert werden. Besonders deutlich wird das im Risikoverhalten von Gruppen junger Männer, die in der Gruppe Risiken eingehen, die sie alleine niemals auf sich nehmen würden (risky shift). In den Unfallstatistiken hebt sich diese Gruppe meist deutlich ab.

Zusätzlich besteht eine hohe Tendenz, echte Gefahren zu verdrängen oder sich nur alibimäßig mit ihnen zu beschäftigen. Eine jüngst durchgeführte Studie bei alpinenen Skitourengehern zeigte, daß zwar viele den Lawinenlagebericht gehört hatten und ein Verschüttetensuchgerät mitführten. Die Informationen im Gelände umsetzen, bzw. das Gerät richtig einsetzen konnten allerdings die wenigsten. Auch bestand kaum Interesse, sich überhaupt mit diesen Themen zu beschäftigen. Wissen und Technik brachten also keinen Nutzen, sondern dienten nur als Alibi für das gute Gefühl, etwas für die Sicherheit getan zu haben.

Kaum anders dürfte es beim Canyoning sein. Wie viele von uns schleppen Sam-Splint, Valdotain, GPS oder Shunt mit, ohne wirklich damit umgehen zu können. Wie oft hat man an höchst dubiosen Haken oder entgegen allen Sicherheitsempfehlungen an einzelnen Spits abgeseilt, denen man zuhause nicht einmal einen Bücherregal anvertraut hätte. Merkwürdigerweise scheinen einige der größten Risiken unseres Sports Tabuthemen zu sein, die von den meisten höchst erfolgreich verdrängt werden.

Was kann man dagegen tun?
  • Jeder, auch der Unerfahrenste, soll von ihm wahrgenommene Fehler - oder das was er dafür hält - ansprechen
  • gemachte Fehler dienen nicht der Belustigung oder dem Spott (ja, ok, vielleicht ein kleines bischen...), sondern sie werden ernsthaft analysiert. Nicht um einen Schuldigen zu finden, sondern um eine zukünftige Wiederholung zu vermeiden.
  • Es muß zum guten Ton gehören, nicht konforme Meinungen oder Alternativen vertreten zu können
  • Risiken und Ängste sind nicht zu tabuisieren, sondern sollten eher thematisiert und offen zur Sprache gebracht werden
  • Wenn man schon technisches Gerät mitnimmt, dann sollte man auch den Umgang damit geübt haben                                              
Quellen: Bergundsteigen, New Scientist, Sicherheit und Risiko in Fels und Eis Band I-III
                       

Autor(en) und Copyright: Martin Pahl

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