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Wissensbasis Canyoning

Karabinerbrüche


Aktualisiert:05.12.06

Trotz einer Norm für Karabiner, die hohe Festigkeiten vorschreibt, kommt es in der Praxis immer noch zu Karabinerbrüchen. Das hat meistens nichts mit Materialfehlern oder vorangegangenen Beschädigungen des Karabiners zu tun, sondern mit Belastungen bei offenem Schnapper, oder Belastungen direkt auf dem Schnapper.

Materialfehler sind sehr selten, zumal bei individuell getesteten Karabinern. Sie sind aber die einzige Ursache für Anrisse. Die vielfach erwähnten "Mikrofrakturen durch Fallenlassen" gibt es nicht. Anrisse dieser Art können bei dem verwendeten Material durch Fallenlassen auch aus größeren Höhen nicht entstehen.

Neben einem Karabinerbruch kann es auch zu einem selbsttätigen Aushängen kommen, z.B. wenn Seil oder Hakenöse direkt über den Schnapper laufen. Bei entsprechender Reibung des Seiles kann so auch ein Twistlock-Verschluß geöffnet werden.

Wichtig für die Belastbarkeit des Karabiners ist die Tragfähigkeit des Schnappers. Ist dieser offen, kann sich der Karabiner wie eine Büroklammer aufbiegen und letztendlich brechen - die Reißfestigkeit ist dann stark reduziert, allerdings bei Weitem nicht so, daß der Karabiner beim Abseilen brechen könnte. Manche Karabiner haben mittlerweilen auch einen Aufdruck mit der Belastbarkeit bei offenem Schnapper, der meist bei 8kN oder mehr liegt

Wird ein Normalkarabiner verwendet (oder ist ein Schraubkarabiner nicht zugeschraubt) kann der Schnapper z.B. durch das Seil, eine Seilschlinge oder eine Felsnase kurzzeitig aufgedrückt, bei einem Sturz alleine durch die ruckartige Bewegung für einige Millisekunden ein paar Millimeter weit geöffnet werden, gerade so, daß der Schnapper nicht mehr trägt. Es kann auch sein, daß aufgrund von Korrosion oder eines einzelnen eingeklemmten Sandkorns der Schnapper von Anfang an nicht richtig geschlossen war.

Weiter reduziert wird die Festigkeit, wenn die Kräfte nicht direkt am Achsschenkel angreifen, sondern weiter außen am Schnapper, weil z.B. eine zu enge Bandschlinge sich dort verhakt hat. Dadurch wird die Hebelwirkung, und damit die Belastung auf den tragenden Schenkel noch einmal erhöht.

Diese Effekte reichen schon aus, um im ungünstigen Fall auch bei einem sehr kleinen Sturz einen Karabiner brechen zu lassen - vor allem mit den harten beim Canyoning verwendeten Statikseilen. Von den meist verwendeten Sicherungsschlingen Typ "Energyca" oder "Spelegyca" sollte man trotz früherer Bezeichnung als "dynamisches Element" oder "Energieabsorber" nicht zuviel erwarten. Laut neueren Angaben von Petzl sind diese Sicherungsschlingen keine Energieabsorber, sie können zwar durch das Aufreißen der Nähte eine harte Sturzbelastung am Standplatz ( z.B. Ausrutschen, wenn die Selbstsicherung gespannt nach unten verläuft = Sturfaktor 2) auf ca. 12 kN begrenzen. Damit kann die maximale Sturzbelastung aber trotzdem ohne weiteres über der Bruchlast des Karabiners liegen.

Karabinerbruch Brechen kann ein Karabiner auch durch eine Hebelwirkung des Abseilachters auf den Schnapper. Dabei wirkt der Achter als Hebel, indem er sich einerseits  am Karabiner abstützt und gleichzeitig auf den Schnapper drückt. Diese Schnapperbelastung kann sehr leicht auftreten, wenn ein Karabiner mit dem Schnapper auf einer Hakenöse, dem Achter oder einem anderen Karabiner aufliegt und unkontrolliert belastet wird. Bei einem Normalkarabiner öffnet sich dann schon bei einer geringen Belastung, z.B. durch Handkraft der Schnapper und der Karabiner hängt sich einfach aus. Das kann auch an der Selbstsicherung beim Ändern der Position passieren, wenn man dabei nicht auf die Sicherungselemente achtet.

Wenn der Achter als Hebel so auf den Schnapper einwirkt, halten die heutigen Schraub-, Twistlock-, oder sonstigen Verschlüsse gerade einmal 1KN, also ca. 100kg Gewicht aus. Und auch wenn man weniger wiegt ist dieser Wert durch einen Ruck leicht zu überschreiten. Das Ergebnis: der Schnapper stanzt sich durch die Verschlußhülse, der Schnapper geht auf und der Achter hängt sich aus.

Diese Art der Unfälle mag sich unwahrscheinlich anhören, trotzdem haben sich in den letzten Jahren etliche Unfälle dieser Art ereignet, oftmals mit tödlichem Ausgang. Es kann ja sein, daß die Gefahr des Karabinerbruchs oder des selbsttätigen Öffnens beim Abseilen auf Canyoning-Art geringer ist, weil die Belastung nicht nur auf den Achter, sondern auch auf den Karabiner geht und die Gefahr des Verkantens wegen der anderen Seilführung geringer ist. Andererseits kann die Metallöse an vielen Canyoninggurten das Verkanten begünstigen, da der Karabiner starrer geführt wird.

Autor(en) und Copyright: MP

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