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Wissensbasis Canyoning

Notfallrucksack des DCV


Aktualisiert:29.10.13

Der DCV-Notrucksack - Sinn oder Unsinn?

Seit einigen Jahren propagiert der DCV einen einzeln Notfallrucksack pro Gruppe, der von einem Gruppenmitglied getragen wird. Die anderen Gruppenmitglieder sollen dann keine eigene Notfalllausrüstung mehr benötigen.

Dieser Notfallrucksack ist m.E. schlecht zusammengestellt und konzeptionell - wenn überhaupt - höchstens für kommerzielle Veranstalter, nicht aber für typische Vereins-Veranstaltungen geeignet.

Umfang der DCV-Notfallausrüstung:

- ein eigener Rucksack mit 2 Tonnen nur für die Notfallausrüstung, mit einem Gesamtgewicht von knapp 8 kg, Kostenpunkt ~500€
- Ein Wurfsack (wie bei den Kanuten)
- eine Taucherbrille
- ein Tragetuch (auch als Bergetuch bekannt)
- eine Lawinensonde (zum Sondieren der Wassertiefe/Hindernisse und s.u.)
- Setzzeug (Hammer, Bohrer, 4 rotlackierte Haken + Schraubglieder)
- eine Beatmungsmaske
- Abschußgerät für Leuchtkugeln
- eine Stirnlampe
- zwei Samsplints
- zwei Minitraxion Rollen
- ein Handtuch
- vier Hygienehandschuhe
- eine Rolle Klebeband
- 5 Teelichter + Feuerzeug
- ein Zeckenentferner
- eine Luftschiene
- ein Erste-Hilfe Set
- ein Joker- oder Cheeta - Haken (um mit der Lawinensonde entfernte Haken einzuhängen)
- ein Multitool
Ein Notseil ist nicht dabei, sondern wird getrennt von einer anderen Person mitgeführt

Warum könnte dieser Notfallrucksack nun evtl. für Kommerzielle, nicht aber für andere Gruppen geeignet sein?

Abläufe, Ausrüstung und Erfahrungsstand der Teilnehmer bei beiden Gruppen könnten kaum unterschiedlicher sein.

Bei den Kommerziellen sind - nach meinen Beobachtungen - meist 2 gut ausgebilde Guides mit 10 und mehr minimalst ausgerüsteten Laien unterwegs. An jedem Hindernis versammelt sich die ganze Gruppe um durch die Guides angeleitet und abgesichert das Hindernis sicher zu überwinden. Sollte irgenein Problem auftauchen sind alle zusammen, aber nur die Guides könnten wirklich handeln, da nur sie die Ausrüstung und das Wissen haben, damit umzugehen. In diesem Zusammenhang kann eine zentralisierte Notfallausstattung sinnvoll sein.

Bei Vereins-Veranstaltungen ist alles möglich: von Kleingruppen mit 3 Teilnehmern, für die ein zusätzlicher 8 kg reiner Notfallrucksack ziemlich indiskutabel ist, bis hin zu Großgruppen mit 10 und mehr Teilnehmern. Hier gibt es ein anderes Problem: da die meisten durchaus erfahren sind und eigene Ausrüstung haben zieht sich die Gruppe auseinander, um nicht an jedem Hindernis Ewigkeiten warten zu müssen. So können je nach Tour durchaus 3 aufeinanderfolgende Abseilstellen gleichzeitig eingerichtet sein. Wo soll der Träger des Notfallrucksacks sich denn nun aufhalten? An der Spitze der Gruppe, damit Wurfsack und Lawinensonde (dazu später mehr) zur Verfügung stehen, oder Hinten, damit Tragetuch und Erste-Hilfe Set einen Verletzten erreichen können? Und was ist, wenn ausgerechnet der Träger des gesamten Notfallmaterials verunglückt? Konzeptionell scheitert das System des Notfallrucksacks in diesen Situationen vollständig.

Zusätzlich fällt der Notfallrucksackträger durch die Gewichtsbelastung für viele Ein- und Abbauaktionen, sowie Seiltransport aus. Ähnlich wie der Fotograf oder Filmer kann er eigentlich nur "mitlaufen".

Ein weiteres immanentes Problem des zentralisierten Notfallrucksacks liegt in der Psyche der Menschen: wenn schon ein anderer die gesamte Notfallausrüstung trägt, dann ist es zu leicht, auch die Verantwortung abzuschieben. "Wozu noch selbst etwas mitnehmen?" Und schlimmer noch: wenn etwas passiert ist: "Muß ich jetzt handeln? Die Notfallausrüstung ist doch gleich da!" Im Ernstfall können solche psychologischen Blockaden wertvolle Sekunden oder sogar Minuten kosten, die schlimmstenfalls über Leben und Tod entscheiden können.

Für solche typischen Vereinsgruppen ist verteiltes, eigenes Notfallmaterial, das die Träger im Umgang auch kennen der einzige richtige Weg.

Einige Anmerkungen zu dem Inhalt:

- wozu ein Wurfsack? Ein Seil an ein Rucksack (natürlich mit Schwimmkörper!) gebunden ist schneller fertig als der Wurfsack aus dem Rucksack geholt ist. Und wenn der Canyon doch so aquatisch ist, daß man das möchte, dann gehört der Wurfsack griffbereit ans Gurtzeug.

- Tragetuch: für Bergungen sind wir nicht zuständig, sondern die Bergwacht/Canyoning-Rettung. Eine unsachgemäße Bergung kann beim Verletzten sehr viel Schaden anrichten. Ach ja, und ein Bergetuch wärmt auch nicht wirklich...

- Lawinensonde: eher ein Witz. Zum Sondieren muß eh einer runter, und dann kann der das auch durch Eintauchen klären. Wenn das partout nicht geht verzichte ich lieber auf den Sprung bevor ich so einen Krempel mitnehme (das gilt übrigens auch für schwere Wurfanker, einem Standardausrüstungsteil eines der Autoren). Zum Einsatz mit dem Joker: habt Ihr das schon mal an einem einfachen Ringhaken, bzw. Kettenglied ausprobiert?

- Beatmungsmaske: Es gibt mehrere Größen: welche ist denn richtig? Oder soll man verschieden mitnehmen, es sind ja mal auch Kinder dabei

- eine Stirnlampe? For 10 Leute und mehr? Das gehört für jeden in die persönliche Ausrüstung

- Rollen sind Standardausrüstung

- auch etliche andere Teile gehören (verteilt) in die jeweilige persönliche Ausrüstung.


Ich habe den starken Eindruck, daß beim Notfallrucksack, wie auch bei den Sicherheitsempfehlungen, Methoden der Kommerziellen kritiklos auf eine völlig andere Gruppen-, Kenntnis- und Ausrüstungsstruktur des Vereins übertragen worden sind.

Autor(en) und Copyright: MP

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